Die Massenkultur und ihre Eliten

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Die Massenkultur und ihre Eliten   

 

Dem Veranstalter gehört die Show. Und die war topp, ein deutscher Rausch der Deutschen und ihrer Gäste, der Freundschaft der Freunde unter Freunden. Sport tut gut, das Gefühl eines gemeinsamen Anliegens auch und es hat sich was getan in Deutschland – zumindest in der Zeit der Fussballweltmeisterschaft. Und kaum war es vorbei und die Psychologen in Sorge, dass jetzt wieder das große Loch der Deutschen aufginge, da sah die Abendzeitung aus München auch schon wieder neues Land: Die nächste Show ist schon im Werden: „Nach der WM ist vor dem Papst!“, titelte sie. Nein wie lustig! Es scheint, dass wir große Veranstaltungen auf Dauer nötig haben.

Die Frage mag erlaubt sein, was dieser ganze Wirbel soll. Es sieht doch ganz danach aus, als ob irgendwas nicht stimmt, als ob mit dem sportlich-politischen Arrangement etwas verwirbelt werden soll, das wir in Wirklichkeit nicht mehr so gut auf die Reihe bringen, zumindest nicht so gut wie eine Fussballweltmeisterschaft. Ist es vielleicht ein erneutes „Wunder von Bern“, das uns wie einst aus den düsteren Kriegszeiten wieder herausheben soll? Oder ist es doch nur wieder mal bloß der Kommerz, der durch ein Umsatzplus gesteigert wird, um die Wirtschaft wieder zu sanieren?

Nein, die Wirtschaft allein war es sicher nicht. Gemessen an dem, was uns nötig wäre, ist das Umsatzplus im Einzelhandel und der Gastronomie nur ein Klacks. Schließlich geht es doch um die Zukunft Deutschlands überhaupt, um seine Chancen, die weitere Entwicklung der Arbeit und Ausbildung, der Gesundheits- und Altersvorsorge und des Fortbestands der Generationen zu gewährleisten. Die diesbezügliche Stimmung war so mies, dass weit schlimmeres für die Wirtschaft zu befürchten war, als nur eine schlechte Konjunkturphase, die durch Umsatz zu beheben ist. Und es ging hierbei eben auch um den Geisteszustand der Deutschen, also darum, wieweit sie noch „bei der Stange bleiben“. Hatten sich die Medien doch noch kürzlich um eine „deutsche Depression“ bemüht und die deutschen Bürgerinnen und Bürger dazu aufgerufen, Deutschland zu sein, so wurde jetzt jeder schon dadurch zu Deutschland, dass er Teil einer Fussballweltmeisterschaft wurde, Mitveranstalter des weltweit größten Sportsereignisses dieses Jahres. Und das wird wohl auch den Sportsgeist der Deutschen beflügeln. Das ist es doch, was fehlt: Teamgeist, Mannschaftsgeist. Der vermittelt nämlich das Wissen, dass Freuden nur durch Pflichten geboren werden und dass Pflichten deshalb auch Freude machen. Er bringt vor allem Einsicht in große Aufgabenstellungen und ihre Lösungen. Und die erhöht dann auch die Leidensfähigkeit der Beteiligten.

Das wissen die Strategen unserer Gesellschaft, zumindest Politiker und Medien, und man baut vor. Natürlich ist es der Politik schon längst klar, dass sich ihr Programm nach bisheriger Art nicht mehr so leicht rüberbringen lässt, dass mit den Problemen und deren Lösungen, die sie in ihren Schubladen haben, unter gewöhnlicher Stimmungslage nur noch Ärger mit den Adressaten ihrer Politik zu befürchten wäre. Und die Wahlen daraufhin könnten ein Desaster für alle werden. So ist auch hier so was wie Teamgeist erforderlich. Klinsi hats gezeigt. Und Sportskultur soll das jetzt weiter bringen. Wir alle müssen es schaffen. Wir sind die Veranstalter, nicht nur der Meisterschaft, sondern auch der Politik. Wie praktisch für eine restriktive Sozialpolitik!

Die Kultstätten des Frohsinns sind installiert und sie werden noch für vieles herhalten. Die Kultur der deutschen Sportbegeisterung ist in die Breite gegangen und hat sich niedergelassen auf den großen Bühnen, mit ihrer Hochkultur vereint, mit den Sängern, Musikern, Medienleuten und Publishing-Unternehmungen, ist selbst zum Kult geworden. Leben ist zumindest als beständiger Appell an das Erleben mal wieder unter die Leute gebracht worden.

Und die haben es tatsächlich auch angenommen. Sie haben danach verlangt, die Eintrittskarten erkämpft und die Arenen gestürmt und sich in großen Massen aufgemacht und verbrüdert, manchmal gesungen, manchmal „Deutschland“ gegröhlt. Es war nicht nur das Arrangement der Politik, es war ihr Bedürfnis, das Bedürfnis nach einer Zwischenzeit, einer Art von Spontaneität, die ungewöhnlich geworden war, ein Hauch von Geschichtlichkeit - und sei es auch nur die einer Erlebensgemeinschaft beim Fußballgucken. Ansonsten vergehen die Tage in erdrückender Gleichgültigkeit, hier aber entscheidet sich doch noch zumindest, wer wirklich Weltmeister werden soll. Und jeder kann mitmachen, zumindest im Anspornen. Sport kommt von Sporn und die Gemeinde der Ansporner hat dabei quasi einen gesellschaftlichen Sinn, der ja sonst so selten ist. Und dabei passt dann doch immer etwas zusammen, was sonst nicht zusammen geht. Es passt aber auch zusammen, was nicht zusammen gehört.

In der Laune der allgemeinen Verbrüderung vermengt sich das Verlangen nach Lebensfreude nämlich locker auch mit den Bedürfnissen der Politik, eine Art Volksgemeinschaft zum Werkzeug höherer Einsichten zu machen. Wir sind doch alle eineGemeinschaft, eine Welt der vielen Nationalitäten! Da sollte man nicht streiten. Wettkampf soll es sein, Sport. Und da gibt es doch Zusammenhalt, auch wenn’s mal hart auf hart geht im Kampf der Sportler, die hier ihre angeblich ihre Nationen zu vertreten haben. Der Wettkampf im Sport wird zum Event des Patriotismus. Das ist nicht unbedingt Nationalismus. Man spricht nicht mehr vom Vaterland, das zu lieben nötig sei, aber doch von Deutschland als Sportsfreund, als ein Freund der Vielen und als Gastgeber eines sportlichen Ereignisses. Deutschland ist nicht mehr so einfach eine Administration. Es ist wieder zu einer Person geworden, zum Gönner einer großen Veranstaltung, dem man also durchaus auch Sportsgeist zurechnen können sollte.

Patriotisches Pathos wird als Sportsgeist zum großen Gemüt einer Politik, die begeistern will und sich dahinter versteckt, sich als nationale Kultur ausgibt, die ein "Volk" zwar beseelt, die aber (noch) nicht unbedingt als eine Volksseele ausgemacht wird. Diese lässt vergessen, was die Unterschiede und Gegensätze im Leben der Menschen sonst ausmacht – und die Erkenntnisse, die darin zu machen sind. Nur hierdurch wird die Menge unterschiedslos und verliert sich in einer ununterscheidbaren Masse in leeren Abstraktionen mit viel Gefühl. „Wer Deutscher ist, der stehe auf“ skandiert man in der Arena, um die Mannschaft mit den eigenen Landesfarben anzuspornen. Es klingt nach Aufstand und Selbstbewusstsein. Und das war es dann auch schon. Aber es bleibt auch irgendwie hängen, so etwas wie „Deutscher erwache!“ Die Kinder rufen es auf den Schulhöfen und gewöhnen sich daran, stolz zu sein, wenn von Deutschland die Rede ist. Jedenfalls springt da was über und durch die Vielen wird das große Eine zu einem einzig Großen, zu einem Gefühl, worin sich nationale Besonderheit ins Unendliche vergrößern kann. Darin kann sich dann ein Verlangen nach massenhafter Begeisterung leicht in den Geist einer Masse kehren, der überhaupt dazu genommen wird, die Widerspenstigkeiten, welche Abstraktionen nun mal im konkreten Leben der Menschen hervorbringen, an ihnen selbst aufzuheben. „Wer deutsch ist, der muss sich auch um Deutschland kümmern“. Das ist dann wie die Sorge um einen kranken Vater. Nichts könnte besser für die Staatskasse sein, als ein massenhaft klingendes Schärflein Goodwill.

Der Geist der deutschen Masse ist nicht mehr einfach nur deutsch.

Masse kann aber nur begeistern, wenn ihr der Geist einer Kultur verliehen wird, wenn jemand dahin kommt, das vielleicht noch platte Gefühl für große Zusammenhänge zu einem Zusammenhang großer Gefühle zu machen. Der Übergang ist schleichend. Zuerst ist es eine Stimmung, die viele mitreißt, dann ist es ein Gefühl, das Unterordnung erheischt, weil es Einordnung bewirkt. So entsteht Kultur in Massen und für die Massen. Nicht wenn sie alle zusammen gröhlen, sondern wenn sie reflektieren, wenn sie sich auf ihr Land besinnen, auf ihre Sportlichkeit, ihre Fähigkeit, ihre Gefühle, Stimmungen, Gewohnheiten und Geborgenheiten und ihre so lange schon in ihre Kultur eingebrachten Leidenschaften, - dann werden sie zu einem Volk, das sich definieren lässt, das sich eine ganz bestimmte Größe in einem ganz bestimmten allgemeinen Selbstgefühl gibt. Es wird zu einer einzigartigen Allgemeinheit, zu einem Kulturvolk der besonderen Art, dessen Attribute sich wie Auszeichnungen lesen lassen. Hieraus wurde im Verbund mit den Interessen des kapitalistischen Staates schon einmal ein faschistischer deutscher Kulturstaat.

Ist Deutschland vielleicht schon wieder dabei, zu einem Kulturstaat zu werden? Weist die Flut der Landesfarben und das Nationalgeschrei nicht auf deutsche Gesinnung altbekannter Art hin, auf Blut und Boden und Deutschland über alles? Nein, jedenfalls nicht durch die Fussballweltmeisterschaft. Mit dem Völkischen ist es dabei nicht allzu weit her und die Volksseelewäre unsportlich, würde sie nur auf Sieg setzen. Zum Sport gehört der Wettkampf und auch, verlieren zu können. Die Massenkultur steckt in der Veranstaltung als solcher, im Erleben großer Begegnungen. Die Kultur der Masse ist die Veranstaltung selbst, der Konsum der Ereignisse. Und darin erlebt man nicht unbedingt nur national. Ohne Achtung vor einem Gegner geht auch das Erleben sportlicher Ereignisse nicht gut. In der Kultur sind wir mit ihm da gewissermaßen einig. Es ist eher die Kultur der Konsumenten, die sich an den Ereignissen selbst berauschen.

Solche Kultur haben wir ja auch sonst in Massen, und zwar dieselbe wie andere Länder des westlichen Kapitalismus auch. Haben wir uns nicht schon an die vielen Kulturveranstaltungen in unserem Alltag gewöhnt, an die gut durchtrainierten Auftritte der großen Kultur- und Werbeunternehmungen, an die Kultur der Erlebnisparks und der Einkaufsmärkte mit ihrem nicht enden wollenden Unterhaltungswert im Angebot für den Kulturkonsum. Konsumkultur gibt es überall schon zur Genüge: Hier die Fresszentren im Einkaufszentrum, im Trubel der Kauflust und dazwischen die Serien-Plastik einer Kunstform von Bären oder Löwen. Alle Unterhaltung besteht fast nur noch aus Shows, aus Sportshow, Life-Show und Talk-Show oder auch mal aus einer Lightshow auf dem Nachhauseweg von den Regenerationsstätten des offiziellen Kulturbetriebs, in denen sich vielleicht die weniger bildungsbeflissenen Mitbürger gelangweilt hatten. Und überall dazwischen werden die Menschen mit Werbesprüchen und Zielvorgaben in einer Dauerkonsumspanne vor sich her getrieben. Solche Kultur durchzieht dann alles Öffentliche als eine Notwendigkeit allzeitiger Selbstvergegenwärtigung und bietet sich unentwegt an, wo sie sich selbst thematisieren kann. Diese Kultur unterscheidet sich nicht mehr zwischen den westlichen Nationen, sondern nurmehr durch die Märkte, die Produktionststätten, Rohstoffquellen, Anbaugebiete, durch die auf diesem Planeten im Lauf der jüngeren Zeit Ost und West und Nord und Süd unterschieden worden sind.

Man spricht deshalb gerne von Kulturunterschieden, aber es sind eigentlich doch die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Ländern, worin Konsum und Dienstleistungen den Zusammenhang ausmachen, und denen die nur durch die Produktion für diese den globalen Überlebenskampf bestehen können. Die Hervorkehrung der Wirtschaftsmacht zur internationalen Nation, zur Supernation als Westkultur schlechthin ist die neue Art geworden, mit Konsumverhalten Identität zu gaukeln, Beziehung vorzutäuschen und Armut, Ausplünderung und Ausbeutung als selbstverschuldet zu behaupten, als eine mindere Entwicklungsstufe der Zivilisation. Was sich da als Kulturreich zusammenbraut, das ist vor allem die Westkultur, die sich zunehmend als Weltkultur verstehen will mit der ihr entsprechenden Konsumwelt, der Welt der Wahrnehmung,Selbstwahrnehmung und des Selbsterlebens.

Gesellschaft als Form öffentlicher Wahrnehmung

Feste gab es schon immer. Sie bezogen sich auf die besonderen Höhepunkte der Geschichten, die es in bestimmten Regionen mit bestimmtem Brauchtum gegeben hatte. Sie begründeten sich direkt oder indirekt aus der lokalen Geschichte, entweder aus dem Jahresablauf der Arbeit oder aus dem Geisteszyklus der Religion oder den Geschichtswenden oder Jubiläen der Betriebe und Familien oder ähnlichem. Waren es ursprünglich Feiern von Menschen, die miteinander zu tun hatten, wurden sie durch die Anonymisierung der Lebenszusammenhänge zu Parties, wodurch Menschen, die wenig miteinander zu tun hatten, sich näher kommen konnten und schließlich zum Event, worin Menschen, die nur noch mit sich zu tun haben wollen, entsprechende Ereignisse zur Nutzung hierfür zu finden erhofften. Als Event für die Selbstwahrnehmung hatte das Feiern die Geschichte ersetzt und wurde zu einem Ereignis, das dem Selbsterleben einfach hie und da nötig wurde, weil es im Leben selbst keinen Grund mehr zum Feiern gab. Es wurde zum Ersatz für eine verlorene Identität im wirklichen Leben, zu einer Selbsterinnerung im Erleben.

Erleben bietet alles, was das Leben nicht unbedingt bringen kann. Man kann sich darin überall und immer wieder mal abfeiern, sobald der deutsche Alltag unerträglich ist. Natürlich bleibt jeder damit alleine. Aber er kann doch immerhin gut mitschunkeln und die Isolation seiner einzelnen Wirklichkeit, sein Dasein als Hungerlöhner, Rentner oder Hartz-IV-Empfänger vergessen machen. Wirklichkeit ist ja nicht alles! Alles ist fantastisch! Man kann da ruhig mal drüber stehn. Auch wenn sich daraus keine wirklichen Geschichten ergeben, keine wirklichen Folgen, die einen Grund hätten. Geschichten werden heute eben erfunden. Die wirkliche Geschichte ist doch eh schon gelaufen. Eine von Menschen bestimmte Geschichte kennt man gerade noch aus alten Filmen und den Geschichtsbüchern. Jetzt aber zählt vor allem das Leben im Hier und Jetzt, das Erleben, die großen Ereignisse, die Abfolge der Tabellensiege, die Erfolge der Inszenierung, die Bühnenerfolge und die Magie einer Cyber- und Hyperkultur. So privat es erscheint, so öffentlich ist es doch zugleich. Der öffentliche Ort einer Massenkultur ist längst zur Welt gebracht. Nicht nur im Fernsehen, sondern auch auf der Straße und in den Arenen. Disko war gestern, heute gibt’s die Meilen, die öffentlichen Plätze, auf denen Kultur geboten wird, die Straßen der großen Erinnerungen, die dem Gefüge ihrer Infrastruktur und Geschichte entwunden und zum Austragungsort der Masse geworden sind, zu ihrem Erlebnispark.

Wir befinden uns in einem Zustand, worin Geschichte nicht mehr durch unser Tun und unsere Bewegung stattfindet, sondern worin wir bewegt werden, wo wir einfach nur dabei sind und vielleicht mitmachen - oder auch nicht. Es ist gleich. Der Lauf der Zeit scheint uns aufgezwungen wie das Ticken einer Uhr und der Terminkalender wird zur tragenden Form der wohl dosierten und gut platzierten Ereignisse, wie sie von den Veranstaltern bestimmt sind. Sie müssen natürlich auch veranstaltet sein. Es braucht die Macker und Gurus, die Kulturveranstalter und Kulturproduzenten. Sie beherrschen das immer besser - und so sind jetzt die Deutschen endlich auch stolz drauf, als Weltveranstalter sich qualifiziert zu haben. Das Leben ist in der Veranstaltungskultur eben überhaupt zur Hauptveranstaltung geworden und wer es auf die Bühne bringt, der muss ja auch am besten wissen, wie es zu machen ist. Erlebniskultur ist eben vor allem auch Medienkultur.

Veranstaltungen sind Darbietungen, worin Unterhaltung betrieben und Reflexion ermöglicht wird. Als solches fallen sie aus der wirklichen Geschichte heraus. Das wirkliche Leben ist keine Veranstaltung. Es ergibt sich aus den Bewegungen und Wirkungen, die alles aufeinander hat. In der Veranstaltung wird dies abgedrängt oder sogar verdrängt und damit Geschichte aufgehoben. Man muss sich fragen, wie ein solcher Zustand überhaupt sein kann. Wenn es keine Geschichte mehr durch die Menschen gibt, was soll dann Leben noch sein? Seine Gestaltung steht ja nimmer an. Es ist jetzt da, wie es gegeben ist und müsste als Gegebenheit gelebt werden. Ein Widersinn in sich.

Aber das Leben als bloßes Erleben passt zu dem, was Geldbesitz ausmacht: Geschichtslosigkeit, die Vermittlung durch sich selbst, der Verlust von Herkunft und Ziel. Geld, wenn es nicht ausgegeben werden muss, kann nur zu mehr Geld werden. Hierzulande hat man im Durchschnitt noch genug Geld, um das Nötigste anzuschaffen, und wenn wir zu wenig haben, müssen wir halt wieder mehr Devisen oder Aktien anlegen. Die machen Geld wie von selbst, denn Geld, wenn man es übrig hat, macht Geld - das weiß man schon. Wir sind keine Produktionsgesellschaft. Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft. Jeder dient dem anderen, um sich selbst zu dienen. Alles ist wechselseitig, nur das Geld ist es nicht. Der allgemeine Zweck und Grund unserer Arbeit ist deshalb nur noch, Geld zu verdienen.

Arbeit als Lebensbildnerin? Was soll das sein, wo es doch nur noch immer weniger Arbeit gibt und es nur noch um dieBedürfnisse und ihre Befriedigung gehen kann, zumindest um Befriedung. Ob die Arbeit sonst noch einen Sinn hat? Gott bewahre! Wer noch glaubt, sich in seiner Arbeit zu äußern, sein Leben zu erzeugen, der muss irgendwie verrückt sein. Wo soll das denn auch noch stattfinden? Arbeit kann nur Mittel zum Zweck sein, einfach was Nötiges, um an Geld zu kommen. Subjektiv ist da nichts mehr und von einem Subjekt der Arbeit kann schon gar nicht mehr die Rede sein. Das sind olle Kamellen. We all live and that’s why we are alife. Sage mir, was du brauchst und ich sage dir, wo du es kriegst: Schließlich findest du immer irgendwas im Internet.

Geld kann nicht die Achse der wirklichen Geschichte sein

Hierzulande gibt es fast keine Arbeit mehr, mit der sich Menschen identifizieren können. Der Job im Callcenter, beim Servicedienst oder im Bahnhofsrestaurant ist bloß ätzend. Es ist doch letztlich zu simpel: Wir nehmen, was wir kriegen und was wir kriegen, das geben wir auch wieder zurück. Geld scheint die einzige Achse des Lebens zu sein: Wir bekommen es und geben es einfach weiter. Dazwischen liegt ein bisschen vom Nötigsten und ein bisschen Nascherei. Das ist alles, im Grunde alles gleichgültig. Obwohl sich Geld auf alles bezieht, haben wir durch Geld mit nichts zu tun, weil wir nichts haben, wodurch wirwirklich sein können. Es ist eine Art Sucht. Jedes Leben ist zu dieser Ödnis des Habens und Nehmens verteufelt, in der kein Mensch mehr wirklich vorkommt, höchstens ein Zwischenmensch in zwischenmenschlichen Beziehungen, ein Lebensabschnittspartner oder auch nur ein Spielzeug oder Spielgefährte, mit dem das Leben auszuhalten ist. Jede sonstige Äußerung hat keinen Sinn mehr, weil er sich nicht mehr wirklich auf andere Menschen bezieht, weil er nur privat existiert, indem er alles aufzehrt, was gesellschaftlich geboten wird.

So hatten es die Ökonomen, Manager und Strategen auch geplant, als ihnen klar wurde, dass der Kapitalismus mit seinerGlobalisierung um so mehr in das Problem vertieft worden war, das diese auflösen sollte - und so wurde es zu einem schier unlösbaren Problem: Die Arbeit reichte nicht mehr aus, um das Wertwachstum sicher zu stellen und die Menschen unter dieser Bedingung durch Arbeit zu beschäftigen - nicht um Arbeit unter ihnen aufzuteilen, sondern um ihre Ausbeutung zu intensivieren. Das Kapital zehrt von Arbeit, weil nur sie Wert bildet, aber es stellt auch tote Arbeit dar, die Arbeit nötig hat, um Wert zu bleiben (siehe Arbeitswerttheorie). Man braucht vor allem die Masse, die dennoch bringt, was nötig ist und auch all das verzehrt, was auf den Markt kommt. In der Massenkultur, so planten sie es seit ihrem Kongress in San Franzisko im Jahre 1997, da soll das Ganze dann aufgehen, das große Fressen, das Tittytainment. Auch 60 % bis 80% Arbeitslosigkeit sollen dann kein Problem mehr sein, wenn es eine gute Elite gibt, die den Kahn dann schaukelt und viele, viele Menschen, die davon abhängig sind, die einen, wegen der Arbeit, die anderen wegen des Konsums.

Das haben sie gut hingekriegt und wir nehmen es fast nicht mehr wahr: Die öffentliche Vergnügungsmeile will uns inGesellschaft sein lassen, und gesellschaftliches Erleben vermitteln, weil es kein wirklich gesellschaftliches Leben, keine wirkliche Gesellschaft mehr gibt. Wir können uns das nur noch einbilden, während wir schon vollständig am Tropf des Kapitals hängen. Und wir merken es nicht mehr, weil wir besonders viel erleben, weil wir in der Masse der Kulturveranstaltungen eben auch schon aufgegangen sind, in der Masse der Kultur als Kulturmasse einer Gesellschaft, die nicht die unsre ist. Das allein ist unsere Wirklichkeit, auch wenn die gar nicht wirklich ist, zumindest bewirkt sie nichts, ist schlicht entwirklichte Wirklichkeit. Sie scheint so unendlich, wie sie auch unendlich bestimmt, also unbestimmt ist.

Gerade wo kein Geld mehr entsteht, ist Geld der Grund, worauf Massenkultur beruht

Eine Massenkultur braucht es vor allem, um eine unendliche Geschichte, um das endlose Dilemma einer unbestimmt bestimmten Wirklichkeit auch auszuhalten. Es hat das Wertgesetz die Menschen längst schon überholt. Nicht mehr sie suchen den Wert ihrer Sachen herauszustellen, um sie zu tauschen und Werte zu schaffen. Der Wert selbst stellt fest, was ihm die Menschen wert sind, was ihre Bedürfnisse ihm bringen und was ihre Arbeit ihm taugt. Der Wert ist keine Reflexion mehr, die aus dem Kapital hervorscheint, wenn es zur Investition schreitet. Er verhält sich als Vergleichssubjekt auf den Geld- und Devisenmärkten wirklich wertend ohne jedoch noch wirklichen Wert zu bilden. Doch wem teilt sich das noch wirklich mit?

Der Wert ist als Finanzkapital an die Stelle des investierenden Kapitals getreten, hat sich weitgehend von den notwendigen Investitionen getrennt, benutzt die Infrastrukturen der Nationalstaaten und die Produktionsstätten der Staats-, Klein- und Familienbetriebe fast umsonst. Er ist die reine Macht des reinen Quantums, dessen absolute Verhältnisform, die Grundrendite und Grundrente in einem, die sich als Taktgeber des allgemeinen Verkehrs in Mieten, Grundstückspreisen, Rohstoffpreisen, Lizenzen usw. nur noch allgemeinverbindlich mitteilt. Als Produktionsstätte eines wie immer auch gearteten gesellschaftlichenReichtums ist der Kapitalismus an sein Ende gelangt und ist dabei, zu einer etwas aufgeblasenen Form in einen Feudalismus des Wertes überzugehen, das Kapital als Feudalwert zu handeln. Irgendwie werden wir gerade wieder zu Leibeigenen einesFeudalkapitalismus, die vor allem dafür zahlen müssen, dass sie auf der Welt sind und keinen Grund und Boden oder Immobilien oder Rohstoffe besitzen, noch je in solchen Besitz gelangen könnten. Wir merken das nur noch nicht so deutlich, denn wir haben unsere Kultur jetzt als Erlebensmasse und wir konsumieren auch gerne – unsere Art, mit der Welt fertig zu werden. Aber schon mit seiner Geburt in diesem System ist jeder Mensch hochverschuldet und daher auch hochverpflichtet. Generationen sind schon verausgabt, bevor sie in diese Lebens- und Arbeitswelt überhaupt eintreten können. Sie werden das nicht unmittelbar in ihrer scheinbaren persönlichen Freiheit spüren, weil ihre Freiheit die des Kulturkonsums ist, aber sie werden es an dem zu merken haben, was der Staat in ihrem Leben an Rolle haben wird, der Staat als der Sachwalter einer höheren Ordnung, einer höheren Schuld und einer höheren Pflicht. Und wer soll dann noch fassen können, dass eine ganze Gesellschaftsform an ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit erstickt ist?

Vom sogenannten „Ende der Geschichte“

Wer Geld besitzt, der lebt in einem Reich unendlicher Möglichkeiten, auch wenn er hierzu nichts kann, geschweige denn, dass er es erzeugt hätte. Geld ist keine Lebensäußerung, nichts, was qualitativ bestimmt wäre. Mit Geld lebt er nur durch andere, welche sich jeder möglichen Bestimmung beugen müssen. Geld verpflichtet den, der keines hat, für den, der es ausgeben will. Geld ist unmittelbar gesellschaftlich und stellt alle Menschen qualitativ gleich, wenn auch quantitativ je nach Geldeinkommen nach Maßgabe ihrer Lebensbedingung unterschieden. Geld, das in keinerlei Beziehung mehr zur Produktion, zur Lebenserzeugung steht, ist demnach selbst die unmittelbare Form eines Zusammenhangs, Formbestimmung einer Gesellschaft. Was öffentlich wahrgenommen wird, wird durch Geld auch öffentlich wahrgemacht. Wie es entsteht und wie man dies wahrhat, das ist darin verschwunden. Hier ist alles umgekehrt wie dort, wo Geld entstanden war, wo es als Zahlungsmittel auf die Welt kam, wo es nur als Maß der Werte ein Maßsstab der Preise war. Hier ist das Wertmaß total, das Mögliche unendlich offen, das Wirkliche unendlich beschränkt.

Der Kreis wird durch Kultur geschlossen, durch welche das öffentlich bedurfte Leben, das privat nur beschränkt befriedigt, jetzt aber öffentlich befriedet wird. Von daher hat auch die Massenkultur ihren Reiz. Alle Aufregungen und Sonderbarkeiten, alle Erregungen und ihr Zauber finden darin metaphysischen Anklang und eine Metaphorik, die alles und jeden erhebt, Erhabenheit geradezu als Lebensentwurf ausgibt – aufbereitet für ein Leben auf der Bühne. Darin werden unter der Hand dann auch die Bedürfnisse und Widerstände der Bevölkerung weitgehend unauffällig kanalisiert und zur Vorstellung gebracht. Gut ist, was geboten wird. Und es muss nur geboten werden, dann ist es auch schon gut, Gebot höherer Güte. Verlierer, das sind alleine die Zuschauer. Aber die vor allem braucht man, damit das Ganze funktioniert. Denn nur sie zahlen den Eintritt. Und austreten können sie ja nicht.

Massenkultur wird nicht einfach geboten oder eingerichtet, damit die Leute funktionieren. Sie ist nicht eine Kultur, in der Menschen von einem höheren Subjekt gezielt zusammengeschlossen werden, nicht Kultur, die alleine aus politisch instrumenteller Zwecksetzung der Kulturindustrie einer Menge geboten wird, um sie z.B. durch kulturelle oder sportliche Veranstaltungen zu steuern. Dies hätte zwar viel mit Politik, nichts aber mit Kultur zu tun. Massenkultur ist eine Kultur, die durch Masse selbst erzeugt und bestimmt wird und die in einer Massengesellschaft schon dann sich ausbreitet, wenn menschliche Geschichte nicht stattfindet, wenn sich in ihr die Menschen nicht wirklich in dem aufeinander beziehen können, durch was sie aufeinander bezogen sind, wenn sie etwas äußern, worin sie sich nicht verwirklichen und wirklich nichts haben, wodurch sie auf sich kommen. In einer Kultur, in der die Menschen nicht wirklich gegenständlich sind, sich nicht als Menschen gesellschaftlich vergegenständlichen, da bleiben sie sich auch wesentlich fremd, entgegenständlichen sie ihre Geschichte zu einer Geschichteihrer Fremdbestimmung.

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